Clemens Brentano
1778 - 1843

* 1778 bei Koblenz, der Vater stammt aus einer italienisch-katholischen Kaufmannsfamilie, ist ein streng kalkulierender Kaufmann, vom Sohn eher gefürchtet als geliebt; die Mutter eine Tochter der damals berühmten Schriftstellerin Sophie de la Roche, eine sehr geistvolle und empfindungsvolle Frau, von Clemens geliebt.
Kindheit in Frankfurt, Besuch einer Jesuitenschule (unter anderem), 1794 Studium der Bergwissenschaften in Bonn (ein Semester), dann Arbeit beim Vater im Kontor, 1797 Beginn eines Medizin-Studiums in Jena, statt des erwünschten Studiums des Bergfaches in Halle, wo der Onkel Bergrat einer Saline war. Hier dann Begegnung mit den Jenaer Romantikern, den Brüdern Friedrich und August Schlegel sowie Ludwig Tieck (Frühromantik).

1803 Hochzeit mit Sophie Mereau - eine unglückliche Beziehung, die 1806 mit Sophies Tod endete. Clemens Brentano versteht sich als Verächter der bürgerlichen Normalität und des berechnenden Geschäftslebens, statt dessen führt er ein unbürgerliches Studentenleben in vielen deutschen Universitätsstädten, ab 1804 in Heidelberg. Er finanziert sich aus der stattlichen Hinterlassenschaft seines Vaters, von dessen "Interessen" (= Kapitalzinsen) er für den Rest seines Lebens ganz gut leben kann.
Einen Eindruck von dieser anti-bürgerlichen Haltung vermittelt auch der 1811 entstandene Aufsatz "Der Philister", in welchem Brentano - aus seiner Sicht - den Spießer- und Kleinbürgergeist verspottet:

    Wenn der Philister morgens aus seinem traumlosen Schlafe wie ein ertrunkener Leichnam aus dem Wasser herauftaucht, so probiert er sachte mit seinen Gliedmaßen herum, ob sie auch noch alle zugegen; hierauf bleibt er ruhig liegen, und dem anpochenden Bringer des Morgenblattes ruft er zu, er solle es in der Küche abgeben, denn er liege jetzt im ersten Schweiße und könne, ohne ein Wagehals zu sein, nicht aufstehen; sodann denkt er daran, der Welt nützlich zu sein, und weil er fest überzeugt ist, daß der nüchterne Speichel etwas sehr Heilkräftiges sei, so bestreicht er sich die Augen damit, oder der Frau Philisterin, oder seinen kleinen Philistern, oder seinem wachsamen Hund. [...] Wenn er aufgestanden, geht es an ein gewaltiges Zungenschaben und Ohrenbohren, an ein Räuspern und Spucken, entsetzliches Gurgeln und irgendeine absonderliche Art sich zu waschen, nach einer fixen Idee, kalt oder warm sei gesund; sodann kaut er einige Wacholderbeeren, während er an das gelbe Fieber denkt; oder er hält seinen Kindern eine Abhandlung vom Gebet und sagt, wenn er sie zur Schule geschickt, zu seiner Frau: "Man muß den äußern Schein beobachten, das erhält einem den Kredit." Sodann raucht er Tabak, wozu er die höchste Leidenschaft hat, oder welches er übertrieben affektiert haßt. Zweifelsohne zieht der Philister nun auch alle Uhren des Hauses auf und schreibt das Datum mit Kreide über die Türe; trinkt er Kaffee, so würde es ihn sehr kränken, wenn seine Frau ihm nicht ein halbdutzendmal sagte: "Trinke doch, er ist so schön warm; trink doch, eh er kalt wird" -- usw.; wenn er ihm aber nicht warm gebracht wurde, wehe dann der armen Frau!
    Aus: "Der Philister, vor, in und nach der Geschichte". Gehalten als Tischrede im März 1811 in der "Christlich-Theutschen Tischgesellschaft" in Berlin. In: C.Brentano, Werke, Hrsg. v. Wolfgang Frühwald u. Friedhelm Kemp, Bd. 2, München 1980, S. 1209

1801 erscheint der erste Roman "Godwi oder das steinerne Bild der Mutter", das Bekenntnis zu einem "Leben aus dem Stegreif", des Genusses, der Sinnlichkeit - konträr zum "bürgerlichen Kalendertag".

Poesie nimmt für Brentano die Stelle der bürgerlich-aufklärerischen Werte Vernunft, Humanität und Fortschritt ein, sie vermittelt zwischen dem Wirklichen und einem wie auch immer gearteten Absoluten, wodurch in manchen seiner Werke ein quasi-religiöser Ton mitschwingt; dieser bezeichnet jedoch (vor 1816) nicht eine Religion im engeren Sinne, sondern verleiht dem poetischen Werk den Glanz des Absoluten (Transzendentalen) in Gestalt von Hingabebedürfnis und Sehnsucht nach dem Unendlichen: "Ich muss immer dienen, sonst werde ich ganz zerrissen."(1824)

Das lyrische Subjekt, seine Stellung zur Welt, verschwimmt, die Begrenzungen des individuellen Erlebens sollen durchbrochen werden, das lyrische Ich kann seine Konturen verlieren, es wird dann unklar, wer da spricht (Lureley-Ballade, Dialog-Gedichte). In diesem Zusammenhang ist auch die Bedeutung des Echo-Motives zu sehen: Als Wiederhall des Liedes aus der anderen Welt herüber.

                           Sprich aus der Ferne
                           
                           [...]
                           
                           Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
                           Bietet sich tröstend und traurend die Hand,
                           Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
                           Alles ist ewig im Innern verwandt.
                           
                                Sprich aus der Ferne,
                                Heimliche Welt,
                                Die sich so gerne
                                Zu mir gesellt! 

Gedichte erheben nicht den Anspruch, rational erhellend zu sein, sie wollen die Wunder und Ungereimtheiten des Lebens "ahnen" lassen, nicht erklären. Dem entsprechen poetische Mittel wie semantische Mehrdeutigkeit, Sprünge, syntaktische Brüche, Synästhesien, Perspektiv-Verschiebungen.

1805/8 Veröffentlichung der drei Bände der Liedersammlung "Des Knaben Wunderhorn". Dieses Projekt nahm seinen Anfang in einer Rhein-Reise, welche Brentano mit Achim von Arnim 1802 unternahm, während der sie

„ganze Monate lang in Dörfern, in schlechten Herbergen, kampierten, unter anderem in einer alten Ruine am Rhein mit einem Bettler zusammen wohnten, bloß um diesem seine Lieder abzulauschen" (Bettina von Arnim, S.23)
.

Achim von Arnims Intention war die Rettung der durch die bürgliche Welt bedrohten Poesie, deren Erneuerung aus der Sprache und dem Geist des einfachen Volkes.
Clemens Brentanos Motivation und Position: Volkslieder sind Bruchstücke einer - von ihm angenommenen - höheren Natureinheit; deren ästhetischen Eigenschaften seien "das Unmittelbare und scheinbar Unzusammenhängende, womit es die empfangene Empfindung weder erklärt noch betrachtet oder schildernd ausschmückt, sondern sprunghaft und blitzartig ... wiedergibt." (S.25)

1807 nach dem Tod seiner Frau überstürzte Heirat mit der 16jährigen Bankierstochter Auguste Bußmann, eine sehr unglückliche Beziehung von Anfang an, die nicht lange währt.

1809-11 Brentano in Berlin bei seinem "Herzbruder" Achim von Arnim: Zeit der Sammlung und Bearbeitung alter Märchen (Intention: aus altem Material Kunstdichtungen schaffen), Veröffentlichungen aber erst nach seinem Tod.

1811 heiratet Achim von Arnim die Schwester Brentanos, Bettina, beginnende Entfremdung der Freunde, darum
ab 1811 Aufenthalte in Böhmen, Prag, Wien und Bayern. Er verfasst nun auch patriotische Lieder und Stücke, gerät in eine Schaffens- und Lebenskrise, aus der ihn die Wendung zum Katholizismus retten soll. Er vertieft sich in mystische Autoren (Swedenborg), begegnet 1818 der stigmatisieren Nonne Anna Katharina Emmerich und begibt sich in deren Dienst bis zu ihrem Tode. Die Poesie ist von nun an in Brentanos Leben nur noch Nebensache. Er schreibt zwar viel Erbauungsgedichte, distanziert sich aber von seiner romantischen Jugend. Nach 1833 lebt er in München, 1842 stirbt er.

Zusammengefasst aus: Clemens Brentano, Gedichte und Erzählungen, hrsg. Hans-Georg Werner, Darmstadt 1986 S. 4-60

Zur Vertiefung:

  • Das Goethe-Haus Frankfurt bietet einen ausführlicheren und bebilderten Brentano-Lebenslauf zur Vertiefung an.

(cc) Klaus Dautel

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